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Silvia Konstantinou
 
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© Silvia Konstantinou
Stichel und Stachel (ein Märchen für Erwachsene)

Es waren einmal zwei kleine Igel.
Sie hießen Stichel und Stachel und hatten einander sehr lieb.

In einem großen Laubhaufen richteten sie sich gemeinsam ein Nest ein.
Kuschelig und gemütlich hatten sie es dort. Alles, was sie außerhalb des Laubhaufens erlebten, erzählten sie einander beim Heimkommen. Da es genug Insekten gab, waren ihre Bäuche immer voll und sie kannten in ihrem Leben nur das angenehme Gefühl der Sattheit.

"Es geht uns gut!", bemerkte Stichel zu Stachel.
"Ja!", bestätigte Stachel. "Es geht uns sehr gut."

Je länger die beiden zusammenlebten und je mehr sie einander lieb hatten, desto enger rückten sie zusammen. Stichel war ein stürmischer Igel, der seinen Gefühlen immer freien Lauf ließ. Er wollte Stachel einfach nahe sein, ohne viel überlegen zu müssen. Aber das hatte jedes Mal schmerzliche Folgen, für beide. Verletzt rückte Stachel dann nämlich von Stichel ab. Konnte er mit seinem Liebhaben nicht vorsichtiger umgehen?

Bald achtete Stachel darauf, Stichel immer in entsprechender Entfernung von sich zu halten, damit es nie wieder weh tun sollte. Je weiter sie aber von ihm abrückte, desto häufiger froren sie nun in den kühlen Herbstnächten beide. Auch konnten sie nicht mehr so gut miteinander reden. Ja, sie machten einander sogar Vorwürfe, denn jeder dachte, der andere wäre schuld an der Veränderung.

"Wir haben ein Problem!", sagte Stichel.
"Ja", seufzte Stachel. "Ein großes Problem!"

Eines Nachts, als es Stichel in dem Blätterhaufen vor Kälte nicht mehr aushalten konnten, teilte er die Laubdecke und sah hinauf in den sternenklaren Himmel. Es war eine solche Pracht, dass es ihm nach langem wieder einmal warm wurde. Ihm war, als könnte von dieser friedlichen Schönheit Hilfe kommen.

"Ist da jemand?", rief er daher hoffnungsschwer in die Dunkelheit hinaus und für einige Erwartungssekunden setzte sein Herz zu klopfen aus.

"Ja", tönte eine klare feste Antwort. "Ich bin, der ich bin."

Nicht, dass das Igelchen diese Antwort wirklich verstehen konnte, aber es fühlte in seinem Innersten, dass es hier mit seinem Problem richtig war. Stichel beurteilte eben alles nach dem Gefühl.

"Wir brauchen Hilfe!", drängte es aus Stichel ins Sternenmeer hinauf.

"Ich weiß", kam die freundliche Antwort aus dem Dunkel.

"Es war einmal so schön mit Stachel und mir", beeilte sich Stichel zu erklären, "doch plötzlich ist alles verändert. Rücke ich so nahe zu Stachel, wie ich es mir wünsche, ist es Stachel zu eng. Ja, sie sagt sogar, es täte ihr weh. Rückt Stachel aber so weit von mir ab, dass es ihr recht erscheint, beginne ich zu frieren. Dann wird uns beiden bitterkalt. So verletzen wir einander dauernd gegenseitig und wissen keine Lösung. Wahrscheinlich gibt es keine ...", endete Stichel traurig.

"Doch", sagte die Stimme warm und liebevoll. "Die Menschen haben dieses Problem beinahe alle. Wenige können mit Distanz und Nähe richtig umgehen. Es gelingt nur denen, die lernen von sich selbst wegzuschauen. Hör' gut zu, kleiner Igel, es ist ganz einfach: Rücke nie wieder so eng zu Stachel, wie du es dir wünscht. Rücke nur mehr so nahe zu ihr, wie es für sie gut ist. Achte genau darauf! Du wirst dich wundern, wie nahe du ihr plötzlich kommen kannst, viel näher als je zuvor. Dasselbe gilt auch für Stachel. Sie darf nicht mehr so weit von dir abrücken, wie es für sie passt. Nur mehr so weit, wie du damit noch zurecht kommst. So werdet ihr einander nie mehr verletzen und auch nicht mehr frieren. Das Geheimnis ist einander in der Nähe loszulassen und in der Distanz festzuhalten. Das Geheimnis heißt: LIEBE."


Stichel verstand nicht alles. Die Worte mit Nähe und Distanz waren für seinen Igelverstand zu schwer. Verwirrt kletterte er in den Laubhaufen zurück und erzählte Stachel, das Geheimnis hieße Liebe und es ginge um Nest-Tanz ...

Doch den Rest verstand Stichel gut. Er konnte es erfühlen, denn er war nun einmal ein ausgesprochener Gefühlsigel.

Und es stimmte alles. Genauso wie es ihnen "Ich bin, der ich bin" prophezeit hatte. Ja, es wurde sogar noch viel schöner mit beiden, als es je zuvor war, denn es kamen zwei neue Geschenke hinzu: Vertrauen und Geborgenheit.

* * *
     
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Stichel und Stachel gaben ihre gewonnene Weisheit übrigens an alle anderen Igel dieser Welt weiter, so dass Igel seitdem nie wieder Probleme mit der Liebe haben. Und wenn, dann nur ein bißchen. Dann heißt es, zur Zeit gelinge ihnen ihr Nest-Tanz nicht so gut.

 
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