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Silvia Konstantinou
 
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Auszüge aus unveröffentlichten Tagebüchern
"Kreta 1980-1982"


Tierliebe anderswo

Zum x-ten Mal spult sich die Szene des Morgens vor meinem geistigen Auge ab. Warum musste ich bloß in dieser Sekunde an dem Weinfeld vorbeifahren? Hätte ein routinierter Autofahrer verhindern können was geschah? Welch sinnlose Fragerei!
In eben dieser Sekunde war ich es, die vorbeifuhr, und ich konnte nicht mehr ausweichen, als das kleine, braune Knäuel vor mein Auto sprang. Als ich das Köpfchen wahrnahm und bremste, hörte ich auch schon den dumpfen Schlag. Kleiner, dummer Hund - vorbei.
Wie schlafend lag er da, scheinbar unverletzt, nur Blut lief aus dem offenen Mäulchen. Es tat mir so weh.
"Tin na kano?", (Was soll ich tun?) fragte ich den nachkommenden Autofahrer, der anhielt. Ich wusste es wirklich nicht.
Die Frau kam vom tiefer gelegenen Feld zur Straße heraufgelaufen. Als sie sah, was geschehen war, schrie sie, hielt sich den Kopf und drehte sich. Ihr Mann würde sie umbringen, weil sie nicht besser auf den kleinen Hund achtgegeben und der Hund schließlich fünftausend Drachmen gekostet habe. Sie zeterte in allerhöchsten Tönen, und da stürmte auch schon ihr Mann aus dem Feld herauf und auf uns zu. Der Blick so wild, wie irre, so dass ich automatisch zurücktrat und der andere Grieche nun zwischen uns stand.
Der Bauer brüllte mörderisch, warf seine Hände in die Höhe, ballte die Fäuste gegen sein Weib, hob den toten Hund hoch und wollte den leblosen Körper nach ihr werfen.
Sie wiederum schrie und lamentierte und versteckte sich hinter mir.
Der fremde Grieche versuchte zu beruhigen, aber ich verstand nicht viel davon. Hilflos wiederholte ich immer wieder ein paar Brocken griechisch: "Ich bin nicht zu schnell gefahren, es war nicht meine Schuld!", worauf die Frau immer wieder mit ihrem schrecklichen Lamento anhob.
Der griechische Autofahrer deutete mir, ich solle weiterfahren, es hätte keinen Sinn sich länger aufzuhalten. Zitternd folgte ich seinem Rat und fuhr wie betäubt los. Auf dem Weg zum Hotel hielt er mich noch einmal an und gab mir seine Adresse und Wagennummer und versicherte mir auf englisch, mir gegebenenfalls auch als Zeuge zu gehen.
Meine Gäste warteten schon auf mich und ich lenkte mich für die nächste Stunde mit verbindlichen Kundengesprächen ab.
Dann stand der Bauer wieder vor mir, etwas ruhiger und wollte Geld, jetzt sprach er schon von zehntausend Drachmen. Nicht sein Herz, nur sein Geldbeutel schienen verletzt zu sein. Mir wurde übel.
Was war ein Tierleben in Griechenland wert?
Ich hatte mich an die Kadaver gewöhnt, die während der Saison auf den Straßen herumlagen. Überfahrene Hunde, Katzen, Lämmer und Bergziegen, zerquetscht, aufgerissen, blutige Fleischberge, die keiner wegräumte. Bei jeder Ausfahrt sah ich sie mehr verwesen, bis einer die hohlen Überreste zur Seite trat. Jede Woche in jeder Richtung neue, die Nationalstraßen waren im Sommer Tierfriedhöfe.

Als ich nachmittags zum Büro zurückfuhr stand ich noch immer unter dem Eindruck des Erlebten. Ich hoffte einen anzutreffen, der mir sagen konnte, was ich zu tun hatte. Musste ich nicht zur Polizei und Anzeige erstatten?
Es waren nur die Frauen aus der Buchhaltung da und ich erzählte Christina, die englisch konnte, was passiert war. Sie übersetzte es den anderen und ihr Ton war heiter. Alle lächelten mich an, und eine strich mir übers Haar, wie einem Kind, das sich zum ersten Mal die Knie aufgeschlagen hat, ist doch nicht so schlimm, wird schon wieder gut.

Ich konnte ihnen gar nicht böse sein, dass sie so anders waren, dachten und fühlten. Ich war mit meinem Klotz im Hals nur ganz allein. Gleichzeitig schoben sich Titelbilder aus österreichischen Tageszeitungen in mein Gedächtnis, Bilder von Feuerwehreinsätzen, bei denen eingeklemmte Tauben und tollpatschige, zu hoch gekletterte Katzen gerettet und die Feuerwehrsleute später als Helden öffentlich belobigt wurden.

     
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Griechische Frauen

junge / alte / grobe / dominante
dienende / oberflächliche/ plappernde
hilfsbereite / hysterische / kreischende
schweigende / lächelnde / traditionelle



Die Fotoattacke

Es war mein freier Tag, kein Flughafen, kein Büro, kein Hotel, keine Gäste. Ich spazierte vom Hauptplatz durch eine Seitengasse Richtung Hafen, mit meinem Fotoapparat auf Motivsuche. Das Wetter war ein einziger Traum. Eine kräftige Frühlingssonne überflutete das wunderschöne Panorama. Hoch oben auf der Psiloritis, der höchsten Erhebung Kretas, lagen noch breite Schneefelder, herunten bog sich der gelbe Ginster schwer zum Meer, in dem wie alle Jahre schon im Februar ein paar verrückte Skandinavier badeten. Die Kretaner und wir "ganzjährigen Ausländer" liefen noch im Pullover herum.
Die Gasse öffnete sich zu einem kleinen Platz hin, wo an einer Häuserwand drei schwarzgekleidete, alte Frauen nebeneinander hockten und häkelten. Sie faszinierten mich, diese handarbeitetenden alten Witwen, oft vertrocknet, wie nicht mehr von dieser Welt, die die herrlichsten Werkstücke unter ihren Händen hervorzauberten. Gewöhnlich waren sie entweder freundlich oder dem Fotografen gegenüber völlig gleichgültig.
Heute allerdings sollte ich etwas Neues erleben. Kaum hatte ich meine Kamera angelegt und versuchte den besten Hintergrund zu wählen, als eine von den Dreien kreischend aufsprang und wie eine Furie auf mich zurannte. Drohend schwang sie ihr Werkstück über dem Kopf, eine bereits großgediehene Häkeldecke. Es bestand kein Zweifel, dass sie vor hatte, mich zu verjagen, nötigenfalls mit Gewalt.
Ich suchte eiligst das Weite, allerdings nachdem ich auf den Auslöser gedrückt hatte.


Griechische Erziehungsmethoden

Entspannt saß ich vor dem Haus und genoss die Wärme der Frühlingssonne in vollen Zügen. Über mir die frischen, fetten Blätter unseres Zitronenbaumes. Ich riss ein Blatt vom Baum, zerrieb es zwischen den Fingern und sog genießerisch den Zitronenduft ein.
Bei den Nachbarn gegenüber begann das tägliche Ritual mit dem Mittagessen. Die Großmutter trat vors Haus und rief schrill nach den Enkelkindern "Elate, paidia, na fame tora, grigora, grigora!" (Kommt, Kinder, wir gehen essen, schnell, schnell) Die Enkelkinder nun wiederum dachten nicht im geringsten daran, zu gehorchen und ihr Spiel zu unterbrechen.
Täglich war es dasselbe. Die Großmutter wartete ein Weilchen, wiederholte ihre schrillen Rufe, ging ins Haus, erschien wieder, rief abermals. Ich hatte aufgehört mitzuzählen, wie oft sich die Szene täglich wiederholte, wusste ich doch ganz genau wie sie enden würde.
Nach einigen erfolglosen Versuchen, die Kinder ins Haus zu holen, erschien die Großmutter mit einem vollen Essensteller und hielt Ausschau nach den kleinen Rangen. Beim ersten Mal hielt ich es kaum für möglich, welches Schauspiel sich mir dann bot. Mittlerweile war mir das Nachfolgende vertraut: Die Großmutter schlich mit dem Teller durch die Büsche, lief die Gasse hinauf und hinunter und fütterte die Kleinen, bis die Teller leer waren. Auf Kreta war das Kind noch König!

 
© Silvia Konstantinou
 
 
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